Freitag, Dezember 16, 2005

Links zu Referat über Kulturrelativismus

"Love among anthropologists" Rebecca Maksel
http://www.wellesley.edu/womensreview/archive/2004/01/highlt.html
Die Pionierinnnen / Vorlesung von Dr. Jana Salat
http://www.unet.univie.ac.at/~a9703131/Skripten/Die%20PionierInnen.doc

Mittwoch, November 23, 2005


Durkheim
Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierte?

Émile Durkheim

Der Sozialwissenschaftler Émile Durkheim gilt als Begründer der französischen soziologischen Schule. Er revolutionierte die gesamte Sozialwissenschaft nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa durch seine Beschäftigung mit der Grundstruktur der menschlichen Gesellschaften.
Durkheim wurde 1858 in Épinal, Frankreich als Sohn eines Rabbiners geboren. Im Alter von 21 Jahren begann er an der École Normale Supérieure in Paris Philosophie zu studieren und schloss das Studium drei Jahre später ab. Nach Beendigung seines Studiums machte Durkheim eine Studienreise nach Deutschland um Wissen über die Bereiche Pädagogik und Soziologie zu erlangen. Mit 29 Jahren erhielt er an der Universität von Bordeaux einen Lehrstuhl für Pädagogik und Sozialwissenschaften. In dieser Zeit richtete er sein Hauptaugenmerk auf Verwandtschaftsbeziehungen, Verbrechen, Recht, Religion, Inzest und Sozialismus.
(vgl.:
http://durkheim.itgo.com)
Im Alter von 40 Jahren gründete er die Zeitschrift "Année Sociologique", welche die erste sozialwissenschaftliche Fachzeitschrift in Frankreich war.
Ab 1902 unterrichtete Durkheim an der Sorbonne in Paris Pädagogik und Soziologie. Er führte ein, dass alle Studenten, die Philosophie, Sprachwissenschaften, Geschichte oder Literaturwissenschaften studierten, auch Kurse der Soziologie besuchen mussten und schrieb dieser „neuen“ Wissenschaft damit große Wichtigkeit zu.
Der Tod seines einzigen Sohnes im ersten Weltkrieg machte Émile Durkheim so schwer zu schaffen, dass er ein Jahr darauf an einem Schlaganfall in Paris stirbt.

Durkheim war Zeit seines Lebens immer interessiert an grundlegenden Strukturen und Funktionen verschiedener Gesellschaften, obwohl er sich eigentlich dem Evolutionismus zugehörig fühlte. „In the classic structural-functionalism, from Durkheim and Radcliffe-Brown, society was often thought of as a kind of organism, as an integrated whole of functional social institutions.“ (Eriksen 2001) Dazu beschäftigte Durkheim sich beispielsweise mit dem Phänomen der Arbeitsteilung in den verschiedenen Gesellschaften. Hier knüpfte er an Jean-Jacques Rousseaus Theorie an, der sich fragte was es denn sei, das die menschliche Gesellschaft zum inneren Zusammenhalt bewegt. Durkheim beschäftigte sich mit Fragen wie: Wie sieht der „Gesellschaftsvertrag“ zwischen den Menschen aus, der, unabhängig von Krieg und Gewalt, den Zusammenhalt der einzelnen Individuen stabilisiert? Gibt es Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten von menschlichem Zusammenhalt und sozialer Strukturen in industrialisierten und nicht industrialisierten Gesellschaften?
Zu diesem Thema schrieb Durkheim 1893 das Werk „De la division du travail social“ (Von der sozialen Teilung der Arbeit) in dem er zwischen den Begriffen organischer Solidarität und mechanischer Solidarität unterschied. Seinem Erachten nach besteht ein Unterschied in der Art der Arbeitsteilung in industrialisierten und nicht industrialisierten Gesellschaften.
Die Notwendigkeit von Kooperation und Arbeitsteilung in Industriegesellschaften bezeichnet Durkheim als organische Solidarität; hier wird das Individuum in die Gesellschaft geboren und ist abhängig von den Fähigkeiten und Aktivitäten der Mitmenschen um zu überleben. Er prägt auch in diesem Zusammenhang den Begriff des Individualismus der westlichen Gesellschaft, der von einem seiner Schüler, Louis Dumont, aufgegriffen und weiter erforscht wird.
Unter mechanischer Solidarität versteht Durkheim einen Teil der sozialen Struktur von indigenen Gesellschaften, die sich einerseits durch spezielle Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder ihrer Gruppe selbst versorgen können und nicht auf die Außenwelt angewiesen sind, und andererseits ihren Zusammenhalt durch Religion und Rituale sichern.
Hier stellt sich aber nun die Frage brauchen industrialisierte Gesellschaften keine Religion und keine Rituale, weil sie nach Materialismus streben?
Ich denke, dass Industriegesellschaften Religion und Rituale sehr wohl brauchen, aber der größere Teil sein/ihr Leben nicht nur darauf ausrichtet. Kulturelle Unterschiede beziehen sich auf Werte, Normen, Glauben, usw. von Gesellschaftsgruppen, was in diesem Beispiel der Arbeitsteilung deutlich wird. Der Fokus auf die Wichtigkeit von Religion oder Materiellem ist demnach in den verschiedenen Gruppen von Menschen anders platziert.
Mit dem Thema Religion hat Émile Durkheim sich auch genauer beschäftigt. Er war sehr interessiert an diesem Themengebiet, weil er durch seinen Familienhintergrund immer einen Bezug zu Religion hatte, ihr aber kritisch gegenüberstand. Er schrieb dazu 1912 das Werk „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ (Die elementaren Formen des religiösen Lebens). Durkheim verwendete dazu die Begriffe profan und sakral und bezeichnete Religion als sakrales Element. Hierzu fokussierte er auch die Funktion von Religion in indigenen Gesellschaften und warf dazu einen Blick auf die australischen Arunta, die Totemismus praktizierten; er sah darin die elementare Form von Religion, die den Zusammenhalt und die Solidarität der Gruppe sicherte. Diese Totems setzte er der Bedeutung und Wertigkeit nach gleich mit Göttern, die die Gemeinschaft durch Kult verbindet und von zentraler Wichtigkeit für eine Gesellschaftsgruppe ist. (vgl. Fischer/Beer 2003)
Ein weiteres Hauptwerk von Émile Durkheim ist die Arbeit über Selbstmord, die er schon 1897 veröffentlichte „Le suicide" (Der
Selbstmord bzw. Die Selbsttötung). Hierin geht es um die unterschiedlichen Sichtweisen über Selbstmord im Vergleich von verschiedenen Gesellschaften. Er untersuchte Selbstmordraten verschiedenster europäischer und außereuropäischer Staaten und versuchte diese in einen logischen, sozialen Zusammenhang zu bringen. Er entwickelte dazu den Begriff der Anomie, „die er als Situation definiert, in der Verwirrung über soziale und/oder moralische Normen herrscht, diese unklar oder schlicht nicht vorhanden sind. Dies führt nach Durkheim zu abweichendem Verhalten (http://de.wikipedia.org) oder im Extremfall zu Suizid. Anomie ist sozusagen ein Zustand von sozialer Unordnung.
Bei dieser Arbeit und auch bei allen anderen Forschungen von Émile Durkheim lässt sich ein wichtiges Faktum kritisieren: Inwieweit beruhen Durkheims Theorien tatsächlich auf der Wahrheit? Wie genau sind seine Ergebnisse?
Diese Fragen stelle ich deshalb, weil Durkheim ein armchair-anthropologist war und Zeit seines Lebens von seinem Schreibtisch aus gearbeitet hat. Er ist nie ins Feld gegangen und hat stattdessen Daten anderer Forscher ausgearbeitet. Diese Tatsache in der anthropologischen und ethnologischen Forschung sollte sich später revolutionieren.
Auch Durkheims Neffe und „Nachfolger“ Marcel Mauss betrieb nie Feldforschung; er wird aber als Gründer der französischen Feldforschung angesehen, weil er Sichtweisen des Funktionalismus und des Strukturalismus in die Schule Durkheims einführte, wo bis zu diesem Zeitpunkt der Evolutionismus vorgeherrscht hatte.
Einen weiteren Schritt in diese Richtung tat Claude Lévi-Strauss der den Strukturalismus in der Anthropologie entwickelte und als einer der ersten Ethnologen ins Feld ging und vor Ort forschte.
Auch Alfred Reginald Radcliffe-Brown, der ein Bewunderer von Émile Durkheims Soziologie war, orientierte sich an seiner Arbeit und war außerdem Begründer des Strukturalismus in der Ethnologie. Radcliffe-Brown, der auch als einer Durkheims Nachfolger betrachtet wird, betrieb Feldforschung auf den Andamneninseln, welche sehr bedeutsam für die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie war. Er popularisierte Durkheims Werke in England und bemühte sich aus der Anthropologie eine renommierte und eigenständige Wissenschaft zu machen.
Unter dem Einfluss von Durkheim entwickelte Radcilffe-Brown also seine Theorie des Struktur-Funktionalismus, wobei er wenig Wichtigkeit auf die einzelnen Individuen legte, sondern sich mit Verwandtschaft, Normen, Politik, usw. – den sozialen Strukturen einer Gesellschaft auseinandersetzte. Hier knüpfen die Theorien von Durkheim über Sozialstrukturen wieder an und der Kreis schließt sich.

Die Neuerungen im Denken, die von Émile Durkheim ausgingen, bezogen sich also darauf, dass es wichtig wurde ein Augenmerk auch auf die Struktur der sozialen Gesellschaft zu richten. Wie sehen die Verwandtschaftsverhältnisse aus? Welche Rituale existieren in verschiedenen Gesellschaften? Damit schaffte er Verbindungen der Ethnologie (Kultur- und Sozialanthropologie) zu anderen Wissenschaften, wie der Soziologie, der Sprachwissenschaft, der Politikwissenschaft, usw.
Und, was für Durkheim besonders wichtig war, war, dass es zum Verstehen einer fremden Gruppe von Menschen vorerst wesentlich ist seine eigene Kultur zu verstehen. Erst dann ist die Möglichkeit zum Vergleich der eigenen und der fremden Kultur gegeben.
(vgl.: Panoff/Perin, 2000)


Literaturliste
™
http://durkheim.itgo.com/biography.html
™ Erkisen, Thomas Hylland (2001): Small Places, Large Issues. An Introduction to Social and Cultural Anthropology. London.
™ Vorlesung von O. Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich: Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie im Wintersemester 2005
™ http://de.wikipedia.org
™ Fischer, Hans & Beer, Bettina (2003): Ethnologie. Einführung und Überblick.Dietrich Reimer Verlag GmbH, Berlin.
™ Panoff, Michel & Perrin, Michel (2000): Taschenbuch der Ethnologie. Begriffe und Definitionen zur Einführung. Dietrich Reimer Verlag, Berlin.

Freitag, Oktober 28, 2005

Juhuuuu!